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Positive Bilanz nach Abschalten des letzten Atomkraftwerks in Niedersachsen

Das Kernkraftwerk Emsland. / Foto: Lars Klemmer/dpa
Das Kernkraftwerk Emsland. / Foto: Lars Klemmer/dpa

Nach dem Abschalten des letzten Atomkraftwerks zieht die Landesregierung positive Bilanz: Erneuerbare Energien stark im Aufwind.

Nach dem Abschalten des letzten Atomkraftwerks in Niedersachsen im vergangenen Jahr zieht die Landesregierung eine positive Zwischenbilanz. So stieg nach Angaben des Umwelt- und Energieministeriums die Menge des aus erneuerbaren Quellen erzeugten Stroms deutlich an. Erstmals habe Niedersachsen 2023 mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt als verbraucht. «Unser Strom ist zu 100,6 Prozent klimaneutral aus Erneuerbaren Energien und wir exportieren viel erneuerbaren Strom in andere Bundesländer. Wir brauchen den teuren Atomstrom nicht», sagte Minister Christian Meyer (Grüne) am Freitag. Am 15. April 2023 wurden mit den Atomkraftwerken in Lingen, Neckarwestheim 2 und Isar 2 die drei letzten Kernkraftwerke in Deutschland vom Netz genommen.

Freude und Sorgen bei Atomkraftkritikern

Atomkraftkritiker weisen auf noch bestehende Risiken auf dem Kraftwerksgelände in Lingen hin. Nach wie vor lagere auf dem Gelände radioaktiver Abfall, sagte Alexander Vent vom Bündnis Atomkraftgegner*innen im Emsland (AgiEL): «Wir wissen immer noch nicht, was damit passieren soll.» Im Moment gebe es Prognosen, wonach das Material frühestens im Jahr 2100 von dem Gelände beseitigt werde. «Wir hinterlassen unseren Kindern und Kindeskindern in Lingen einen riesengroßen Berg gefährlichen, giftigen, strahlenden Materials», erklärte Vent. Froh seien die Atomkraftgegner und -gegnerinnen allerdings darüber, dass seit der Abschaltung die Gefahr eines großen Unfalls nicht mehr bestehe. «Die akute Gefahr, die von einem laufenden Atomkraftwerk ausgeht, ist jetzt auf jeden Fall Geschichte», erklärte Vent.

Energieversorgung zwar sicher, aber teurer

Atomkraftbefürworter machen auf den wegen des Ukraine-Kriegs gestiegenen Energiepreis aufmerksam. Er habe nach wie vor kein Verständnis dafür, dass die Bundesregierung in einer Mangelsituation die letzten Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet hat, sagte der Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen, Volker Müller. Die Energieversorgung sei wegen des Atomausstiegs aus seiner Sicht zwar nicht unsicherer geworden, aber doch teurer. «Deshalb hätte man die Atomkraft verlängern sollen, nicht unbestimmt, sondern für die Krisenzeit», sagte Müller. Gleichzeitig hätte man die Energiewende weiter nach vorn bringen müssen.

Auf dem Kraftwerksgelände befindet sich noch strahlendes Material

Nachdem Abschalten des Reaktors in Lingen wurden die Brennelemente aus dem Reaktordruckbehälter genommen und in ein Brennelementlagerbecken umgeladen. Dort werden nach Angaben des Ministeriums die Brennelemente weiter gekühlt, bis sie die Voraussetzungen für eine Beladung in einen Castor erfüllen und anschließend in das benachbarte Standortzwischenlager der Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung mbH (BGZ) überführt. Die Brennelemente bleiben dort, bis in Deutschland ein Endlager für hoch radioaktiven Müll gefunden wurde. Nach neuen Planungen des Bundes könne sich das bis 2080 hinziehen.

Auch Atombefürworter gibt es noch

Aus Sicht des niedersächsischen Unternehmensverbands-Geschäftsführers Müller war der Atomausstieg in Deutschland ein Fehler. Die klimafreundlichste Energieversorgung sei aus seiner Sicht die Atomkraft. Sie verursache keine klimaschädlichen Emissionen und sei im Gegensatz zu Strom aus Wind oder Sonne grundlastfähig. Auch die CDU-Fraktion im Landtag spricht sich dafür aus, die Nutzung der Kernkraft für die Zukunft nicht generell auszuschließen, sondern technologieoffen zu betrachten. «Die Weiterentwicklung der Kernkraft kann in der Zukunft durchaus Chancen für die Energieversorgung und die Erzeugung klimaneutraler Energie bieten, diese Chancen sollten nicht von vornherein aufgeben werden», sagte die umweltpolitische Sprecherin der Fraktion, Verena Kämmerling. Besonders die Kernfusion sei von Interesse - Deutschland dürfe dabei nicht hinterherlaufen. In der klassischen Kernkraft sehe sie kurzfristig aber keine Lösung.

Das Land setzt auf Erneuerbare Energien

Nach Angaben des Energieministeriums ist Niedersachsen Windenergieland Nr. 1 mit der größten installierten Leistung und den meisten Anlagen. Habe 2019 die Zahl der neu gebauten Windkraftanlagen bei 53 gelegen, die 174,8 Megawatt (MW) Leistung erbrachten, seien es im vergangenen Jahr 132 neu gebaute Anlagen mit einer Leistung von 635,9 MW gewesen. Niedersachsen habe dank seiner «Task Force Energiewende» die Genehmigungsdauer für neue Windräder deutlich unter ein Jahr verkürzt. Im ersten Quartal dieses Jahres seien 504 MW Windenergie genehmigt. «Damit ist das Ziel, 1500 MW im Jahr zu genehmigen, in Sichtweite», sagte Minister Meyer.

Kritik von der Opposition

Die CDU im Landtag kritisiert, dass es kein Gesamtkonzept beim Ausbau der Erneuerbaren Energien gebe. Die «Task Force Energiewende» sei bislang weitgehend ergebnislos geblieben. «Es reicht nicht aus, einzelne Aspekte wie den Ausbau der Windenergie voranzutreiben, ohne begleitende Initiativen beim Ausbau der Netze auf den Weg zu bringen», sagte Kämmerling. Auch bei den Themen Wasserstoffwirtschaft und Ausbau der niedersächsischen Häfen als Energiedrehscheibe geschehe zu wenig.

Trotz Ausstieg ist Niedersachsen noch Atom-Land

In Lingen werden seit mehr als vier Jahrzehnten Brennelemente für Atomkraftwerke in Europa hergestellt. Die Firma Advanced Nuclear Fuels (ANF) soll in Lingen künftig auch Brennelemente für osteuropäische Atomkraftwerke sowjetischer Bauart herstellen. Das Vorhaben muss von Niedersachsen genehmigt werden. Bürgerinnen und Bürger konnten dazu Anfang des Jahres Einwendungen einreichen. Derzeit werte das Land mehr als 10.000 Stellungnahmen aus. Anschließend soll ein Erörterungstermin in Lingen angesetzt werden. Ein Termin stehe dafür noch nicht fest, hieß es aus dem Energieministerium.

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